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Experten-Sprechstunde

Zervikale Bandscheiben-Operation

Dr. Amir R. Ghasemi

In dieser Experten-Sprechstunde beantwortet ein Experte Fragen von Patienten zum Thema Zervikale Bandscheiben-Operation

Es handelt sich hierbei um einen kleinen operativen Eingriff zur Behandlung eines zervikalen Bandscheibenvorfalls (zervix = Hals) oder einer Verengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose). Darunter versteht man einen Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule. Die zervikalen Bandscheiben finden sich zwischen den sieben Halswirbelkörpern. Man spricht deshalb auch von einer Bandscheiben-OP an der Halswirbelsäule (HWS).

Ziel der zervikalen Bandscheiben-OP ist es, die aufgrund des Bandscheibenschadens eingeengten Rückenmarksnerven zu entlasten. Der Eingriff kann sowohl von der Halsseite als auch von der Nackenseite erfolgen und wird von einem Facharzt für Neurochirurgie durchgeführt. Dabei wird entweder nur ein Teil des Bandscheibenmaterials entfernt oder die gesamte Bandscheibe. Welches Verfahren zur Anwendung kommt, hängt letztlich davon ab, an welcher Stelle der HWS der Bandscheibenvorfall liegt. In der Praxis wird meist eine Bandscheiben-OP an der Halswirbelsäule von der Halsseite aus durchgeführt. 

Grundsätzlich ist eine Bandscheiben-OP an der Halswirbelsäule angezeigt, wenn mit konservativen Behandlungsmaßnahmen keine Besserung der Beschwerden erzielt werden konnte und zu den Schmerzen zusätzliche Symptome wie Muskelschwäche oder Lähmungen auftreten. Auch Empfindungs- oder Gangstörungen sind ein Kriterium für den operativen Eingriff.

Lähmungserscheinungen können sich sowohl in den Armen als auch in Gangstörungen äußern und bürgen ein hohes Risiko für eine Querschnittslähmung. Deshalb wird bei mittel- und hochgradigen Lähmungen oftmals eine zervikale Bandscheiben-OP der konservativen Therapie vorgezogen, um eine optimale Behandlung und das Eindämmen von Gesundheitsrisiken zu gewährleisten. Der Einsatz einer Bandscheiben-OP ist ebenso in minder schweren Fällen denkbar, beispielsweise wenn die konservative Therapie bereits länger als drei Wochen ergebnislos verlief. 

In vielen Fällen verlaufen Bandscheibenvorfälle geradezu symptomlos und bedürfen deshalb keiner Behandlung. Bevor also eine Therapie oder gar eine Bandscheiben-OP an der Halswirbelsäule eingeleitet wird, muss abgeklärt werden, ob die vorliegenden Beschwerden auf einen zervikalen Bandscheibenvorfall zurückzuführen sind.

Ein zervikaler Bandscheibenvorfall kann plötzlich eintreten und wird durch die Abnutzung des Bandscheibenknorpels verursacht. Dieser verliert im Laufe der Zeit an Wasser und somit Elastizität und wird brüchig. Dann kann es zu einer plötzlichen Verlagerung der Bandscheibe kommen, wodurch das Bandscheibengewebe langsam in den Rückenmarkskanal (Spinalkanal) tritt und dort Druck auf die Nervenwurzeln und das Rückenmark erzeugt.

Meist entsteht dabei auch eine Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals). Sie tritt am häufigsten bei älteren Patienten und im Lendenwirbelbereich auf, wogegen der zervikale Bandscheibenvorfall in der Regel zwischen dem 5. und 6. sowie dem 6. und 7. Halswirbelkörper auftritt. Liegt ein zervikaler Bandscheibenvorfall vor, äußert sich dieser in unterschiedlichen Symptomen, wie beispielsweise:

  • Schmerzen im Schulter- und Nackenbereich
  • Rückenschmerzen
  • ausstrahlende Schmerzen bis in die Beine
  • ziehender Schmerz an der Vorder- oder Rückseite der Beine
  • ausstrahlende Schmerzen bis in den Ober- und Unterarm oder den Fingern
  • Bewegungseinschränkungen der Halswirbelsäule
  • Lähmungen im Bereich von Nacken, Schulter und Arm
  • Häufiges Schwindelgefühl
  • Taubheitsgefühl im Bereich des eingeklemmten Nervs
  • Harn- und Stuhlinkontinenz
  • Funktionsstörungen der Ischiasnerven 

Nicht immer können die jeweiligen Beschwerden auf einen Bandscheibenvorfall an der Halswirbelsäule zurückverfolgt werden. Deshalb ist eine Abklärung bei einem erfahrenen Spezialisten für Neurochirurgie sinnvoll, um die Ursache der Schmerzen umfassend zu bestimmen und gegebenenfalls eine entsprechende Therapie einleiten zu können. 

Ein operativer Eingriff, der durch den Hals erfolgt, klingt für viele Patienten erstmal ungewöhnlich und sicher ist eine Prise Unsicherheit angebracht, aber die zervikale Bandscheiben-OP ist eine weit verbreitete Technik und wird von erfahrenen Spezialisten durchgeführt.

Im Vorfeld der Bandscheiben-OP erfolgt eine umfassende körperliche Untersuchung. Dazu zählen insbesondere Röntgenuntersuchungen der Halswirbelsäule mittels Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) sowie elektrophysiologische Untersuchungen der Nervenwurzeln, die der Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit dienen.

Die Operation des zervikalen Bandscheibenvorfalles erfolgt in der Regel von der Halsseite. Unter dem Einsatz eines Operationsmikroskops und kleinster Spezialinstrumente wird über einen kleinen querverlaufenden Hautschnitt von ca. 3-4 Zentimetern Länge ein Zugang zum erkrankten Bandscheibenbereich eröffnet. Dann wird die Rückenmuskulatur vorsichtig zur Seite geschoben und ein gelbliches Band (Ligamentum flavum), das die Wirbelkörper miteinander verbindet, teilweise eingeschnitten. Dies ermöglicht es dem Arzt mit Hilfe des Mikroskops direkt in den Wirbelkanal zu sehen.

Anschließend wird mit speziellen Instrumenten das eingeklemmte Bandscheibengewebe gelöst bzw. entfernt. Auch in den Wirbelkanal gerutschte Bandscheibenteile, sogenannte Sequester, werden entfernt. Dabei ist es wichtig, das unmittelbar hinter der Bandscheibe liegende Rückenmark und die Nervenfasern nicht zu verletzen. Zuletzt wird in den leeren Raum, der durch die Entfernung der Bandscheibe zwischen den beiden angrenzenden Wirbelkörpern entstanden ist, ein Implantat oder eine Bandscheibenprothese eingesetzt.

Der Eingriff dauert insgesamt etwa 60 bis 90 Minuten und wird in Vollnarkose durchgeführt. Da die Bandscheiben-OP eine stationäre Aufnahme erfordert, ist mit einem Krankenhausaufenthalt von vier bis sechs Tagen zu rechnen. 

Ja, gerne. Wie bereits erwähnt, hängt die Notwendigkeit für eine zervikale Bandscheiben-OP von der Schwere der Schmerzen und Lähmungserscheinungen ab und stellt eine letzte Behandlungsmaßnahme dar, wenn alle physiologischen und medikamentösen Mittel ergebnislos waren. Wurde die eingeklemmte Bandscheibe nun teilweise oder ganz entfernt, muss sie dementsprechend ersetzt werden. Hier kommt die künstliche Bandscheibe ins Spiel.

Sie ermöglicht es die entsprechenden Beschwerden zu beseitigen und die natürliche Beweglichkeit der Wirbelsäule und des Kopfes wiederherzustellen bzw. zu erhalten. Dies ist ein entscheidender Vorteil. Denn viel zu häufig wird Patienten zu einer operativen Wirbelsäulen-Versteifung (Spondylodese) des betroffenen Wirbelsegments angeraten. Das heißt, der eingeengte Zwischenwirbelraum wird mittels eines Bandscheibenersatzes wiederaufgerichtet und die Wirbel mit Schrauben und Stäben mit einander verbunden.

Eine solche operative Versteifung zweier Wirbel hat einen irreversiblen Bewegungsverlust in diesem Segment zur Folge. Die Mehrbelastung, die dann auf diesem Wirbelsäulenabschnitt lastet, muss von dem darüber – bzw. darunterliegenden Wirbelgelenken getragen werden. Da diese meist ebenfalls degenerativ verändert sind, können erneute Beschwerden oder eine zukünftige Ausdehnung der Versteifung nicht ausgeschlossen werden.

Mit einer Bandscheibenprothese besitzt die Medizin heutzutage allerdings die Möglichkeit eine Versteifung der Wirbelsäule zu verhindern und den Patienten weiterhin uneingeschränkte Bewegungsfreiheit zu garantieren. Der Einsatz einer Bandscheibenprothese ist sowohl für den Halswirbelsäule als auch den Lendenwirbelbereich möglich. Da an eine künstliche Bandscheibe für die Halswirbelsäule (zervikal) andere Anforderungen gestellt sind als an eine für die Lendenwirbelsäule (lumbal), gibt es zwei unterschiedliche Modelle.

Zervikale Bandscheibenprothesen sind kleiner und an die spezielle Form und Funktionalität der Halswirbel angepasst. Hingegen lumbale Bandscheibenprothesen größer und fester sind, da auf ihnen eine größere Druckbelastung liegt. Beide Modelle werden individuell auf die Körpermaße des Patienten zugeschnitten, um eine optimale Versorgung und Stabilität der Wirbelsäule zu gewährleisten. Die Implantation erfolgt im Rahmen einer zervikalen Bandscheiben-OP.

Wie jede Operation birgt auch eine zervikale Bandscheiben-OP die bekannten Gefahren einer Wundheilungsstörung und Narkose-Risiken. Darüber hinaus sind Komplikationen und Risiken bei Eingriffen an der Halswirbelsäule von vorne eher selten. Bei der Bandscheiben-OP von der Halsseite aus kann es in sehr seltenen Fällen zu Verletzungen der großen Halsgefäße und Nerven kommen. Auch kleinere Verletzungen an der Luftröhre und der Speiseröhre sind möglich. Verletzungen des Rückenmarks sind, dank der Verwendung eines Operationsmikroskops, allerdings sehr selten.

Anders verhält es sich bei einer Bandscheiben-OP von der Nackenseite. Hier ist das Risiko für eine Verletzung des Rückenmarks und der Nervenwurzeln deutlich höher. Dennoch treten solche extremen Fälle nur sehr selten ein. Ist während des Eingriffs der Nerv verletzt worden, können neben Empfindungs- und Bewegungsstörungen der Beine auch Taubheitsgefühle oder im schlimmsten Fall eine Querschnittslähmung auftreten.

Eine alternative Behandlung zur Bandscheiben-OP an der Halswirbelsäule bieten konservative Therapieansätze der Physiotherapie und Manuellen Therapie oder der Akupunktur. Auch Yoga und andere Sportarten können die Beweglichkeit der Wirbelsäule verbessern und die Beschwerden lindern. In den meisten Bandscheibenvorfällen führt eine Therapie ohne chirurgischen Eingriff zum gewünschten Behandlungserfolg, vorausgesetzt es liegen keine neurologischen Ausfälle wie Lähmungen, Taubheit oder Bewegungsstörungen vor. 

Die Experten-Sprechstunde dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose und ersetzt eine Behandlung weder medizinisch noch rechtlich. Die Antworten spiegeln die Meinung des Autors wider und nicht die der Betreiber von www.pluspatient.de

Zuletzt aktualisiert am: 09.10.2020

Orthopäde & Unfallchirurg
Dr. Amir R. Ghasemi FRCS (Tr & Orth)

Spezialist für Wirbelsäulenchirurgie


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Dr. Amir R. Ghasemi

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