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Experten-Sprechstunde

Palliativ-Medizin

 Brigitte Schäfer

In dieser Experten-Sprechstunde beantwortet ein Experte Fragen von Patienten zum Thema Palliativ-Medizin

Bereits im 16. Jahrhundert haben sich die Heilberufler mit der Aufgabe, unheilbar erkrankte Menschen auf ihrem Weg zum Tod zu begleiten, befasst. Die Bezeichnung Palliativ entspringt dem lateinischen „Cura“, gleich Fürsorge und Aufmerksamkeit, sowie „palliare“, gleich umhüllen und verbergen.

Es wurde versucht, den Menschen mit einer absehbar begrenzten Lebenserwartung mehr Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger Verschleierung der vorhandenen Krankheit zu schenken. Um diese Zeit waren die therapeutischen Möglichkeiten noch sehr begrenzt und deshalb wurde das Augenmerk mehr auf die Sterbebegleitung gelegt. Es folgten zu diesem Thema zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten und erst im 19. und 20. Jahrhundert trat der Gedanke der Palliativ-Medizin wieder in den Hintergrund. Das resultierte aus dem Aufstieg der immer moderner werdenden Medizin, die durch Forschung und Wissenschaft eine Vielzahl von neuen Behandlungswegen hervorgebracht hatte. Auch im Bereich der Pharmakologie gab es immer mehr Fortschritte. Der Fokus lag einzig auf der Heilungsbemühung bis zum Schluss, ungeachtet der Erfolgsaussichten und der Ängste der Patienten.

Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckte man wieder, wie wichtig die Palliativ-Medizin für die betroffenen Patienten ist. Es wurden Hospize eingerichtet und in Zusammenarbeit mit der Palliativ-Medizin ein besser erträgliches Leben bis ans Lebensende angeboten.

Palliativ-Medizin hat nicht in erster Linie die Aufgabe, Beschwerden, die mit einer fortschreitenden Krankheit einhergehen, zu lindern, sondern sie versucht die Aussichtslosigkeit für den Patienten erträglicher zu machen. Der Patient wird von den Palliativ-Medizinern ganzheitlich betreut. Das heißt, dass sowohl seine psychische Verfassung wie auch physische Einschränkung unter Berücksichtigung seines persönlichen Umfeldes beleuchtet wird. Zusammen mit verschiedenen Fachleuten wird der Patient begleitet und gepflegt. Dabei werden auch Angehörige einbezogen, die ebenso von der Palliativ-Medizin getragen werden.

Weit über eine medizinische Therapie hinaus, achtet die Palliativ-Medizin auf das Selbstbestimmungsrecht des Patienten. Er hat das Recht, für ihn sinnlose oder belastende Behandlungen abzulehnen, auch wenn dies seinen Tod schneller herbeiführt. Insgesamt ist es das Ziel der Palliativ-Medizin, dem Patienten die verbleibende Lebenszeit so angenehm wie möglich zu machen und ihn psychosozial zu unterstützen, damit er diese Zeit optimal nutzen kann.

Palliativ-Medizin ist eine Zusatzausbildung für alle Absolventen einer hierfür relevanten Berufsgruppe. Das können neben Humanmedizinern auch Psychologen, Sozialwissenschaftler, Theologen oder Pflegewissenschaftler sein. Sie alle können mittlerweile an verschiedenen Universitäten Studiengänge belegen, die mit dem Master of Science (M.Sc.) in Palliative Care abgeschlossen werden.

Ebenso bietet die 1994 gegründete Deutsche Gesellschaft für Palliativ-Medizin Fortbildungskurse für diesen Bereich der Patientenbetreuung an. Diese erstrecken sich auf mehrere Wochen und werden mit einem Zertifikat abgeschlossen.

Nachdem 1983, unter Vorbild des 1967 in London gegründeten St. Christopher Hospice, in der Kölner Universitätsklinik die Eröffnung der ersten palliativ-medizinischen Einrichtung erfolgte, existieren mittlerweile mehr als 300 Palliativstationen bundesweit in Hospizen, Kliniken und Arztpraxen. Nicht immer ist es erforderlich, dass der Patient stationär aufgenommen werden muss. Deshalb ist es für den Patienten von Vorteil, einen niedergelassenen Allgemeinmediziner oder Internisten zu kennen, der auf diesem Gebiet der Palliativ-Medizin ausgebildet ist.

Auf diese Weise kann der Patient zunächst in seinem persönlichen Umfeld bleiben und wird bei der täglichen Abfolge seiner Bedürfnisse palliativ unterstützt. Besonders wenn der Patient nicht mehr mobil ist, werden auch immer Hausbesuche angeboten. Das ist oft sogar auch für den Arzt in der Durchführung der Behandlung vorteilhaft, da er sich ein Bild von den häuslichen Gegebenheiten und Bedürfnissen der Patienten machen kann. Eine ambulante Versorgung mit Palliativ-Medizin wird in aller Regel bevorzugt.

Selbstverständlich ja. Es ist sehr wichtig, dass auch die Angehörigen, die meistens rund um die Uhr beim Patienten sind oder zumindest, falls der Patient noch einigermaßen selbständig lebt, regelmäßig vorbei schauen, Bestandteil der angewendeten Palliativ-Medizin sind. Sie werden in alle Maßnahmen einbezogen und lernen, wie sie ebenfalls einen Beitrag zum individuellen Behandlungsverlauf leisten können.

Abseits vom Patienten gibt es aber auch noch die andere Seite, bei der die Palliativ-Medizin gerade auch ein besonderes Augenmerk auf die Angehörigen richtet. Ebenso wie der Patient bedürfen sie gleichermaßen einer Betreuung, da sie häufig mit der endgültigen Diagnose eines geliebten Menschen überfordert sind und eigene Probleme entwickeln.

Die klassische Medizin zielt darauf ab, Krankheiten zu heilen oder zu lindern. Wenn der Körper des Patienten nicht mehr auf die Therapien anspricht, kommt die Palliativ-Medizin ins Spiel. Selbstverständlich wird in jedem Fall zusammen gearbeitet, denn es muss ja gewährleistet sein, dass der Patient – soweit möglich – Linderung seiner Beschwerden erhält. Jedoch wird bei der Palliativ-Medizin darauf verzichtet, alles technisch Machbare auf Biegen und Brechen durchzuführen. Vielmehr wird versucht, dem Patienten in seiner Situation beizustehen. Im Wesentlichen sind das die folgenden Punkte:

  • Begleitung des Patienten in dem Zeitraum, der verbleibt
  • der Patient soll lernen, mit der persönlichen Situation umzugehen
  • Möglichkeit geben, selbstbestimmt zu sein
  • psychologische Betreuung
  • seelsorgerische Betreuung
  • maximale Lebensqualität schaffen
  • Unterstützung bei Entscheidungen mit Verfügungscharakter
  • Stärkung der Angehörigen

Studien haben erwiesen, dass ein möglichst frühzeitiger Beginn mit der Palliativ-Medizin sehr sinnvoll ist. Je früher der Patient seine Lebensqualität auf die noch zu erwartende Lebensrestzeit abstimmt, umso mehr empfindet er seine Situation erträglicher. Es kommt auch vor, dass sich bei frühem Therapiebeginn eine vorausgesagte Lebenserwartung um Monate verlängert.

Leider sieht die Realität meist anders aus. Erst bei weit fortgeschrittener Krankheit entscheiden sich die meisten Patienten oder deren Angehörige für eine Therapie der Palliativ-Medizin. Die Gedanken an den herannahenden Tod sind logischerweise sehr belastend. Die daraus entstehenden, schwersten, psychischen Befunde lassen sich nur schwer auffangen und erschweren eine Therapie. Dennoch versucht die Palliativ-Medizin auch bei diesen Fällen ein Maximum an Behandlungserfolg zu erreichen.

Das verhältnismäßig junge Konzept der Palliativ-Medizin hat im Laufe der letzten 25 Jahre nicht zuletzt durch eine bundesweite Aufklärung der Deutschen Krebshilfe dazu geführt, dass sich Bürger, Ärzte und Pflegepersonal für den Einsatz dieser Medizin bei Schwerstkranken stark machen. Seit 2007 ist eine Behandlung im Rahmen der Palliativ-Medizin eine Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Da die Palliativ-Medizin einem Netzwerk von verschiedenen Speziallisten angeschlossen ist, gibt es mehrere Finanzierungsmodelle, die über die Krankenkassen abgerechnet werden.

Die Experten-Sprechstunde dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose und ersetzt eine Behandlung weder medizinisch noch rechtlich. Die Antworten spiegeln die Meinung des Autors wider und nicht die der Betreiber von www.pluspatient.de

Zuletzt aktualisiert am: 06.10.2020

Hausärztin
Brigitte Schäfer

Geriatrie und Palliativmedizin


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