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Experten-Sprechstunde

ADHS-Behandlung mit Neurofeedback

Dipl.-Psych. Annika Simlacher

In dieser Experten-Sprechstunde beantwortet ein Experte Fragen von Patienten zum Thema ADHS-Behandlung mit Neurofeedback

Das Neurofeedback ist eine Form des Biofeedbacks. Beim klassischen Biofeedback werden unbewusste Körperfunktionen wie Atemfrequenz, Muskelspannungen, Körpertemperatur, Hautleitfähigkeit sowie Blutdruck und Herzfrequenz gemessen. Über ein akustisches oder visuelles Signal erhält der Patient dann eine Rückmeldung (engl. Feedback) über das gemessene Körpersignal, sodass eine Bewusstseinsschärfung für die eigenen inneren Zustände erfolgt. Beim Neurofeedback erhalten Patienten diese Rückmeldung über die Gehirnaktivität (Neuro). 

Das heißt, mit Neurofeedback wird in Echtzeit die Hirnaktivität gemessen. Im Grunde handelt es sich hierbei um ein Elektroenzephalogramm (EEG)-Biofeedback, deshalb ist auch die Bezeichnung EEG-Feedback geläufig. Ziel einer Neurofeedback-Behandlung soll sein, die eigene Gehirnaktivität und damit auch das Verhalten selbst besser wahrnehmen und somit steuern zu können.

Lassen Sie mich die Wirkungsweise des Neurofeedbacks am besten an einem Beispiel erläutern. 

Wenn Sie morgens aufstehen und dann beispielsweise die Zeitung lesen, sind Sie automatisch wach und aufmerksam, Sie konzentrieren sich auf Ihre Aufgabe. Das Gehirn wird also aktiv. Jegliche Aktivität im Gehirn erfolgt auf elektrischer und chemischer Ebene. Diese elektrische Aktivität kann gemessen und graphisch dargestellt werden.

Jede Veränderung des Aufmerksamkeits- und Bewusstseinszustands, also der Gehirnaktivität, wird als eine EEG-Welle am Computer dargestellt. Die unterschiedlichen Bewusstseinszustände, wie z.B. entspannt, müde, schlafend etc., haben immer einen eigenen Frequenzbereich, sodass sie voneinander zu unterscheiden sind. Wenn Sie sich also auf eine Aufgabe konzentrieren, werden bestimmte Gehirnregionen aktiv, die dann im konzentrierten Zustand viel schnelle Gehirnaktivität erzeugen. Die recht schnelle Frequenz für Aufmerksamkeit wird als Beta-Wellen bzw. Beta-Aktivität bezeichnet.

Während Sie also beim Lesen der Zeitung eine erhöhte Beta-Aktivität entwickeln, sieht das bei manchen ADHS-Patienten ganz anders aus. Die charakteristischen Beta-Wellen sind nämlich bei diesen ADHS-Patienten kleiner. Stattdessen ist ein Anstieg der sogenannten Theta-Wellen abzulesen. Diese Thetafrequenzen kommen normalerweise in Zuständen des Entspannens und Dösens vor. Die Folge ist eine langsamere Hirnaktivität und damit eine einhergehende verminderte Konzentrationsfähigkeit bei ADHS-Patienten.

Das Neurofeedback setzt genau an dieser Stelle an. Durch wiederholtes Training bestimmter Hirnaktivitäten kann mit einer Neurofeedback-Behandlung das Verhältnis zwischen langsamer (Theta) und schneller Aktivität (Beta) und das Zusammenspiel einzelner Hirnregionen verbessert werden. Die dabei vermittelte Rückmeldung an das Gehirn führt mit der Zeit zu einer Konditionierung des gewünschten Verhaltens.

Es ist also ein Lernprozess des Gehirns, der im Anschluss zu Verhaltensänderungen und vor allem zu einer besseren Aufmerksamkeit und Impulskontrolle führt. Neben dem Frequenzbandtraining gibt es noch weitere wissenschaftlich untersuchte Neurofeedbackformen, die bei uns zum Einsatz kommen. Diese sind z.B. das sogenannte SCP Training (Slow Cortical Potential).

Grundsätzlich sprechen wir von einer personalisierten und integrierten Neurofeedback-Behandlung. Diese wird immer als Kombination aus Neurofeedback-Training sowie einer begleitenden Psychotherapie durchgeführt. Der Patient sollte immer aktiv begleitet werden, damit der Transfer in den Alltag erfolgreich umgesetzt werden kann.

Nicht jeder Patient benötigt die gleiche standardisierte Behandlung, sondern eine Anpassung auf die individuellen Bedürfnisse. Hierzu machen wir eine umfangreiche Diagnostik bei dem wir die Gehirnaktivitäten messen und mit einer sogenannten Normdatenbank vergleichen.

Weiterhin werden für die Bestimmung des konkreten Neurofeedback-Protokolls die individuellen Symptome berücksichtigt. Somit können wir personalisiert die Behandlung mit wissenschaftlich erwiesenen Protokollen durchführen.

Darüber hinaus berücksichtigen wir in der Diagnostik und Therapieplanung stets das Schlafverhalten. Hier gibt es bei unseren Patientengruppen Problembereiche, die wir in diesem Zusammenhang direkt mit behandeln.

Im Gegensatz zur medikamentösen Therapie kann mit Neurofeedback die Selbstregulationsfähigkeit kontinuierlich gestärkt werden, sodass betroffene Patienten den eigenen Aktivitäts- und Regulationszustand erkennen und steuern können. Störungsbilder wie Unruhe, mangelnde Konzentration, Hyperaktivität und Impulsivität aber auch Schlafprobleme oder Depression können von den Betroffenen besser kontrolliert werden und gehören ggfs. der Vergangenheit an. Aber nicht nur das, das Behandlungsergebnis einer Neurofeedback-Behandlung bleibt über lange Zeit stabil. 

Da Medikamente wie Ritalin oder Concerta nur die Symptome behandeln und nicht die Ursache, ist häufig nach Beendigung der Medikamententherapie die Situation wie zuvor. Das ist der entscheidende Vorteil von Neurofeedback. Hier stellt sich ein Langzeiteffekt ein - die Symptome werden reduziert, das Verhalten ändert sich nachhaltig und dauerhaft. Ein solches Behandlungsergebnis kann keine medikamentöse Therapie leisten. Im Übrigen liegt die Erfolgsquote von Neurofeedback bei etwa 75 bis 80%.

Weitere Vorteile von Neurofeedback:

  • Wissenschaftlich bewiesene Wirksamkeit
  • Kaum bis keine Nebenwirkungen
  • Selbstwirksamkeit durch aktive Beteiligung des Patienten
  • Behandlung der Ursachen
  • Verbesserung des Schlafs
  • Wirksame Alternative zu Medikamenten
  • Kann mit anderen Therapien ergänzt werden

Nun, die Behandlung hört sich außergewöhnlich an, aber Sie müssen keine Angst haben, das Neurofeedback ist nicht-invasiv und vollkommen schmerzlos. Zu Beginn der Behandlung werden Sensoren auf der Kopfhaut befestigt, die die Gehirnaktivität messen. An einem Computer erhalten sie Aufgaben, die Sie konzentriert bearbeiten. Dabei erhalten Sie ein permanentes Feedback darüber, ob die Aufgabe gemeistert wurde bzw. die gewünschte Gehirnaktivität erzielt worden ist.

Diese Rückmeldung erfolgt meist über akustische oder visuelle Signale. Parallel dazu überwacht der Therapeut das Training in Echtzeit und kann den Schwierigkeitsgrad ggfs. anpassen. Ganz nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ entwickeln die Patienten mit der Zeit ein Gefühl dafür, was sie tun müssen, um ein positives Feedback zu erhalten und lernen so wie ihre eigene Gehirnaktivität willentlich gesteuert werden kann. Diese Fähigkeit kann dann im Alltag helfen die Aufmerksamkeit und das eigene Verhalten der jeweiligen Situation (besser) anzupassen.

Besondere Vorkehrungen im Vorfeld der Behandlung müssen nicht getroffen. Dies gilt sowohl für Kinder als auch Erwachsene. Natürlich sollten sie Ihr Kind darüber aufklären, was geschehen wird, um Unsicherheit oder Ängste gar nicht erst aufkommen zu lassen. In einem vorausgehenden Aufnahmegespräch erläutert der behandelnde Therapeut allerdings Ihnen und Ihrem Kind sicher auch den gesamten Ablauf und beantwortet Ihre Fragen.

Generell können mit Neurofeedback alle Personen mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie Schlafproblem und Störungen der Impulskontrolle behandelt werden. Diese Eigenschaften sind vor allem bei ADHS gegeben und betreffen in erster Linie Kinder und Jugendliche, aber nach neuesten Erkenntnissen auch Erwachsene. Da Neurofeedback fast frei von Nebenwirkungen ist und darüber hinaus einfach zu erlernen ist, kann eine Behandlung bereits ab einem Alter von 6 Jahren durchgeführt werden.

Und wie angedeutet, können natürlich auch Erwachsene mit Neurofeedback behandelt werden. Die Behandlung richtet sich da besonders an Erwachsene mit ADHS, deren Erkrankung oft nicht oder nur sehr spät diagnostiziert wurde. Hier können sich die Symptome im Gegensatz zu ADHS bei Kindern anders darstellen, erfordern aber eine ebenso aufmerksame und effektive Therapie.

Dazu zählen z.B. ein chaotischer Lebensstil, Stimmungsschwankungen und geringes Selbstwertgefühl wie auch Aufschiebeverhalten, überhöhter Alkohol- und/oder Tabakkonsum und Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen. Mit Neurofeedback kann in jeder Lebenslage ein positives Ergebnis erzielt werden, weshalb auch ein später Behandlungsbeginn kein Hindernis darstellt.

Die Dauer der Behandlung und damit die Anzahl der Sitzungen werden vom Therapeuten festgelegt und sind abhängig vom individuellen Verlauf. In der Regel sind etwa 30 bis 40 Sitzungen notwendig, um eine gute Wirkung zu erzielen, die auch langfristig anhält. Dabei werden meist zwei bis drei Sitzungen pro Woche eingeplant. Eine spürbare Veränderung und Besserung der Störungen und Symptome kann etwa ab der 10. Sitzung beobachtet werden.

Ja, die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Eine Neurofeedback-Behandlung kann sowohl für Erwachsene als auch bei Kindern bei der Therapie von

  • Konzentrationsstörungen
  • Lernstörungen
  • Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus)
  • Posttraumatischem Stress
  • Migräne
  • Epilepsie
  • Schlafstörungen

sehr wirkungsvoll sein und eine medikamentöse Therapie begleiten oder diese ersetzen. Zu beachten ist hier, das Neurofeedback nur für ADHS, Epilepsie und Migräne wissenschaftlich evaluiert ist. Für alle andere Störungsbilder können keine definitiven Aussagen über die Wirksamkeit getroffen werden.

Neurofeedback kann des Weiteren auch in eine Psychotherapie oder andere therapeutische Maßnahmen eingebunden werden und diese positiv ergänzen sowie bei Menschen ohne bestimmte Beschwerden, beispielsweise zur Leistungssteigerung bei Mangern oder Sportlern, eingesetzt werden.

Leider gehört die Neurofeedback-Therapie nicht zu den Regelleistungen der gesetzlichen Krankenkassen. Im Durchschnitt liegen die Kosten für eine Neurofeedback-Behandlung bei etwa 80 bis 140 € pro Sitzung. Wir berechnen etwa 100 € pro Behandlung und bewegen uns damit im üblichen Rahmen. Hinzu kommt die Diagnostik.

Privatpatienten sollten, je nach Vertrag, einen Großteil der Kosten ersetzt bekommen. Interessanterweise sind die meisten unserer Patienten Selbstzahler, das heißt sie tragen die Behandlung eigenständig. In diesem Fall werden keine Patienteninformationen an Versicherungsträger weitergeleitet und die Behandlung bleibt vertraulich.

Die Experten-Sprechstunde dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose und ersetzt eine Behandlung weder medizinisch noch rechtlich. Die Antworten spiegeln die Meinung des Autors wider und nicht die der Betreiber von www.pluspatient.de

Zuletzt aktualisiert am: 03.09.2020

Psychologische Psychotherapeutin
Dipl.-Psych. Annika Simlacher

Behandlung von ADS/ADHS & Depressionen


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